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Ein erfolgreicher Praxisraum, Teil 3

von Mag. Wolfgang Strasser

Der Mensch im Dazwischen: Leerräume, Zwischen- und SchwellenRÄUME

Raumgemeinschaften haben eines gemeinsam: Sie bilden Prozesse ab. Die Anordnung der Räume in einer Praxis oder in einem Büro folgt den Abläufen, die sich durch ihre Zweckwidmung ergeben. Die Abfolge der gebauten Räume ist aber nicht die einzige Möglichkeit einer Betrachtung von Raumland­schaften. Der Artikel beschäftigt sich auch mit den erlebten Räumen und schließlich mit den Innenräumen der Menschen. Und mit Zwischen­räumen, mit den Übergängen und Schwellen.

Unter Raum wird meist der gebaute Raum verstanden. Dieser kann aber von Menschen unterschiedlich wahrgenommen und erlebt werden. Entsprechend dem unterschiedlich gespürten Kontext des Sich- Befindens entstehen leiblich-erlebte Räume. Diese werden zu einer wesentlichen Bedingung für psychische und soziale Prozesse. Sie beeinflussen die Öffnung oder Schließung emotionaler oder seelischer Räume des Menschen. Und tragen damit wesentlich zum Gelingen einer Praxis als Begegnungsraum bei.

Foto von Monica Silva auf Unsplash

Der Raum als Erfahrung

 

Wir reduzieren den Raum meist auf seine Äußerlichkeit. Einen Raum zu empfinden, kann aber ganz anders sein, als seine äußerlichen Merkmale es vermuten lassen. Der Raum leiblicher Anwesenheit wird zum erlebten oder gelebten Raum. Archetypen grundlegender Raumerfahrungen werden ebenso beigetragen wie elementare Erfahrungen aus der eigenen Biografie. Enge und Weite beispielsweise sind grundlegende Raumerfahrungen aller Lebewesen, die sich in Phänomenen wie Anspannung und Entspannung oder auch beim Ein- und Ausatmen zeigen. Ebenso grundlegend ist das Fühlen von Richtungen, seien sie linear wie bei Wünschen oder Befürchtungen, als auch zentrisch, wie z.B. die zentrifugale Kraft einer unbestimmten Sehnsucht. Oder die sprichwörtliche dicke Luft nach einem Streit.

 

Menschliche Innenräume

 

Doch was führt zu Reaktionen, wie Anspannung und Entspannung? Rationale Überlegungen als Folge der leiblich-erlebten Wahrnehmung von Räumen können es nicht sein, da die Reaktionen meist unbewusst erfolgen.  Es sind die die Innenräumen des Menschen, die den erlebten Außenräumen gegenüber stehen und mit ihnen interagieren. Der Gefühlsraum regt sich gleichermaßen wie der Verstandesraum des Menschen. In Fällen besonderer Tiefe sind es auch die seelischen und geistigen Innenräume des Menschen, die berührt werden.

 

Der Mensch im Dazwischen

 

Das innere Befinden und die äußeren Begebenheiten stehen immer in einer Wechselbeziehung. Es ist nicht möglich sofort zu wissen, woher ein Unwohlsein kommt, sondern wie wir damit umgehen. Der erste Schritt ist somit die Entscheidung, sich für einen Moment zurückziehen zu können, um innerlich still zu werden. Es gilt eine Unterbrechung des gegenwärtigen Geschehens im Außen zu bewirken, um wahrzunehmen, was gerade im Inneren geschieht. Zu beobachten, wie man sich fühlt und was gerade im Außen geschah. Dabei ist es entscheidend zu wissen, was wir für unser Wohlbefinden, für unsere innere und äußere Balance brauchen.

 

Zwischenräume - oder Achten auf das, was nicht da ist

 

Doch da gibt es noch etwas: Neben dem Erleben der Räume selber ist in einer prozessorientierten Betrachtung vor allem die zeitliche Abfolge des Erlebens bestimmend. Der Mensch durchläuft innere Prozesse bei der Nutzung einer Abfolge von Räumen. Und erlebt dabei Zwischenräume am Weg von Raum zu Raum. Zwischenräume sind auch Räume! Als Übergänge liegen sie zwischen Objekten oder Ereignissen, denen unsere Hauptaufmerksamkeit gilt. Sie haben etwas Verbindendes oder Trennendes, aber keine eigene Botschaft. Sie dienen dazu, eben „Wichtiges“ besser unterscheidbar zu machen und als etwas Eigenständiges zu erkennen. Meistens. Die Leere kann aber auch bewusst zur Botschaft werden. Der Zwischenraum wird vom Hintergrund zum Vordergrund. Und damit zum Gestaltungsmittel!

 

Schwellenräume - oder Übergänge in andere Räume

 

Zwischen den Räumen und den Zwischenräumen finden wir Schwellenräume. Doch was ist eine Schwelle? Überbrückung zweier Räume, ein Da­zwischen, Trennung von Sphären, innen oder außen, Auftakt und Ausklang, Grenze und Schranke, Anfang   von etwas Neuem? Der Schwellenraum ist alles zusammen, meist sogar gleichzeitig.

 

Schwellen werden in ihrer Funktion als räumliche Vermittler anschaulich: sie empfangen und entlassen …  Sie leben von der räum­lichen Ambivalenz zwischen Öffnung und Schließung und erzeugen zugleich die Erwartung auf das Kommende.  Schwellen geben uns die Möglichkeit des „Sichbesinnen“ und im räumlichen Kontext des „Sichfinden in seiner Umgebung“. Dies möglich zu machen ist eine wesentliche Aufgabe bei der Praxisgestaltung.

 

Anordnung von Raumhüllen

 

Die Einsicht, dass der Arzt, Therapeut oder Berater den Patienten, Klienten oder Kunden in „seinen“ Raum aufnimmt, kann prägend für den Umgang sowohl mit Klienten als auch mit dem Raum selbst sein. Der Raum impliziert dabei nicht nur den statischen Aspekt von Ort, Platz, Stelle, sondern auch dynamische Aspekte von Gelegenheit, Möglichkeit, Entwicklung.

 

Die räumlich-körperliche Erfahrung eines vorgelagerten Gartens für An­ziehung und Übergang, des Eingangs und der Schwelle für Vorbereitung und Reinigung, der Warte­raum für Ankommen und Regulierung von Nähe und Distanz, der Besprechungs- und Behandlungsraum für Aktion und Inter­aktion, ist ebenso wichtig wie ein geschützter Raum der auf ihn wartet für den Aufbau von Beziehung und dem Spüren eigener seelischer Schritte.

 

In dieser Anordnung der „Raumhüllen“, wobei im Zentrum ein warmer, inniger Kontakt, gut abgesichert durch zahlreiche „Außenhüllen“, möglich ist, kann sich der „gemeinsame Raum“ der Beratung, Behandlung und Therapie entwickeln und sich die „Innenräume“ des Klienten öffnen und entfalten. Die Kooperation wird gefördert, Gespräche können offener geführt werden und Behandlungen erfolgreicher verlaufen.

 

Gestaltung von Raum zu Raum

 

Vorplatz und/oder Vorgarten bilden bereits den ersten Praxisraum und sind auch eine Visitenkarte der Praxis. Neben einer guten Orientierung für den Kunden/Klienten kann hier bereits eine Unterstützung des Ankommens geleistet werden. Eine besondere Funktion haben dabei die Schwellen­situationen an der Zauntür und folgend der Haustür.

 

Ein Wartezimmer oder ein Wartebereich im Flur dient nicht nur dem Warten. Er gibt den Kunden / Klienten die Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Sie sind oft unsicher, besorgt und fühlen sich möglicherweise allein­gelassen. Eine wohltuende, freundliche Gestaltung des Warte­zimmers wirkt diesen Gefühlen entgegen.

 

Der Weg vom Wartebereich zum Sprechzimmer oder zum Behandlungs­raum kann diese wichtige Arbeit fortsetzen oder zunichte machen. Er wirkt als Schwelle von einer passiven in eine aktive Situation und braucht daher motivationsfördernde Wirkungen. 

 

Das Erstgespräch findet dann meist im Behandlungsraum statt. Für eine effektive Platzgestaltung empfiehlt sich aber ein eigener Raum, ein Sprech­zimmer, zumindest ein deutlich abgegrenzter Bereich. Ein Ortswechsel vom Ort des Erstgesprächs zum Ort der Behandlung macht aus mehreren Gründen Sinn. Der Ort des Gespräches ist auch der erste Ort der Be­ziehungen in einer Praxis. Hier dürfen sich bereits erste Innenräume öffnen.

 

Der Platz für Coaching, Mediation, Gesprächstherapie, usw. folgt den gleichen Gestaltungs­grund­sätzen. Die Anordnung der Sitzpositionen kann förderlich oder hinderlich sein. Die räumliche Vermittlung von Kooperation, Austausch und Dialog oder Unterstützung wirkt für die anschließende Behandlung förderlich. Die räumliche Wirkung von Gleichgültigkeit, Separation oder gar Konfrontation belastet eine Öffnung von Beziehungsräumen. Für die Arbeit mit Kindern gilt, sich auf Augenhöhe zu begeben, also nicht höher zu sitzen als die Kinder und auf sie herabzublicken.

 

Der Weg vom Sprechzimmer zum Behandlungsraum schließlich bedarf immer wieder der Aufmunterung und Vertrauensbildung. Die Gestaltung des Behandlungsraumes ist gleichzeitig auch eine Gestaltung von Rahmen­bedingungen für die Öffnung weiterer Innenräume. Nur in einer verbundenen Situation kann wirklich gute Arbeit geleistet werden. Und eine seelische Berührung ist „branchenunabhängig“.

 

Dem Büroarbeitsplatz wird in Praxen oft zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei geschieht hier für die selbständige Tätigkeit wichtige und wertvolle Arbeit. Der Arbeitsplatz soll daher stärkend und kreativ wirken. Auf die Grundsätze guter Arbeitsplatzgestaltung wird in einem eigenen Artikel näher eingegangen.

 

Räume zum Erholen und Regenerieren, vor allem für die Mitarbeiter, fehlen weitgehend in unseren Arbeitswelten. Sie sollten aber 20% der Fläche für eine gute Erholung und Regeneration aus­machen. Das Essen ist nicht nur eine funktionelle, sondern vor allem auch eine sinnliche Tätigkeit. Und schließlich sind informelle Beziehungen und Kommunikation wichtig, auch wenn das oft anders gesehen wird.

 

Resümee

 

Es gibt mehr als den einen gebauten Raum, es gibt auch die jeweils erlebten Räume. Und beiden bilden Raumlandschaften im Kontext praxisrelevanter Prozesse ab. Diese etwas andere Sichtweise einer prozessorientierten Betrachtung mag neue Perspektiven eröffnen. Und den Zwischen- und Schwellenräumen ihre Bedeutung einräumen. Achten Sie auch auf die Leerräume, denn in ihnen werden oft gehaltvolle Momente initiiert. Schließlich sollen Praxis- und Beratungsräume zu Begegnungsräumen unserer seelischer Innenräume werden. Damit unsere Arbeit gelingen kann!

 

Wolfgang Strasser

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